Die Nachricht, über die Clemens Ticar in der Kleinen Zeitung berichtete, dass der USV St. Anna am Aigen ernsthaft über einen freiwilligen Rückzug aus der Regionalliga Mitte nachdenkt, ist mehr als nur eine Randnotiz im österreichischen Fußball-Unterhaus.
Sie ist ein Symptom, ein Alarmsignal, das die strukturellen und finanziellen Herausforderungen auf dieser Ebene des Sports beleuchtet – ein Thema, das Ticar in seinem Artikel treffend skizziert. Obmann Johannes Weidingers drastische Bezeichnung der Liga als „Totenliga“ mag provokant klingen, trifft aber offenbar den Kern der Sorge vieler Vereine: Der Spagat zwischen semiprofessionellem Anspruch und wirtschaftlicher Vernunft wird immer schwieriger.
Die Verlockung der Landesliga: Mehr als nur Nostalgie
Die im Artikel von Ticar dargelegten Argumente für einen Rückzug in die Landesliga sind nachvollziehbar und wirken auf den ersten Blick fast schon romantisch: Volle Stadien bei Derbys gegen Fürstenfeld, Ilz oder Fehring, weniger Reisekosten und -strapazen durch den Wegfall weiter Fahrten nach Oberösterreich, eine stärkere Verwurzelung in der unmittelbaren Region. Das klingt nach Fußball, wie er für viele Fans und Funktionäre im Idealfall sein sollte – nahbar, emotional und wirtschaftlich überschaubar. Man spürt förmlich die Sehnsucht nach einer Zeit, in der der lokale Aspekt des Fußballs stärker im Vordergrund stand.
Es ist verständlich, dass ein Verein wie St. Anna, der offensichtlich solide wirtschaftet und nicht bereit ist, finanzielle Harakiri-Aktionen für den Verbleib in einer Liga zu starten (Weidinger: „fahren den Verein finanziell ganz sicher nicht an die Wand“), diesen Schritt prüft. Wenn die letzten beiden Jahre finanziell „definitiv kein Plus“ brachten und der Rückzug des Nachbarn Bad Gleichenberg die Attraktivität der Liga weiter schmälert, ist eine Neubewertung, wie sie Ticar beschreibt, nur logisch und verantwortungsvoll.
Die Kehrseite: Sportlicher Ehrgeiz und fragwürdige Strafen
Doch die Entscheidung ist keine einfache, wie auch der Artikel deutlich macht. Der sportliche Reiz der Regionalliga, die dritthöchste Spielklasse Österreichs, ist nicht zu unterschätzen. Vor allem die Chance auf den ÖFB-Cup, die heuer über den Steirer-Cup greifbar nahe ist, wiegt schwer. Der Cupsieg würde eine garantierte Teilnahme, egal für welche Liga man sich entscheidet, am nationalen Bewerb bedeuten – eine Bühne, die nicht nur sportlich, sondern auch finanziell und prestigeträchtig attraktiv ist. Dieser Faktor macht die bevorstehende Generalversammlung am 25. April zu einer echten Zerreißprobe zwischen Vernunft und Ambition.
Wirklich problematisch erscheint jedoch das im Artikel erwähnte Regulativ bei einem freiwilligen Rückzug: Zehn Minuspunkte, 5000 Euro Strafe und ein Aufstiegsverbot. Man muss sich fragen: Ist das der richtige Weg, um Vereine zu „bestrafen“, die eine wirtschaftlich vernünftige Entscheidung treffen wollen? Es wirkt eher so, als würde das System Vereine dazu drängen, über ihre Verhältnisse zu leben, anstatt einen Schritt zurück zu machen.
Reformideen aus der Praxis: Mehr als nur Weidingers Vorschlag
Besonders interessant ist Obmann Weidingers im Artikel zitierter Vorschlag zur Reform der Ligenstruktur: Regionale Meister ermitteln in einer Relegation nur einen Aufsteiger. Das würde die regionalen Ligen massiv aufwerten.
In eine ähnliche Kerbe schlägt auch Stefan Weitensfelder, Sportlicher Leiter des SK Treibach, dessen Perspektive die Diskussion bereichert. Seine Idee zielt direkt auf die Reduzierung des Aufwands: „Mein Vorschlag zielt darauf ab, die Saison zu teilen: Zuerst eine regionale Phase im eigenen Landesverband, gefolgt von einem überregionalen Aufstiegs-Playoff im Frühjahr, an dem nur die Top 4 oder 5 Teams teilnehmen – etwa gegen die Besten aus der Steiermark. Damit wären die weiten Reisen auf höchstens fünf pro Saison reduziert und die finanzielle Belastung bliebe kalkulierbar.“ Dieser Vorschlag würde die Belastung für die Mehrheit der Saison deutlich reduzieren.
Beide Ansätze zeigen, dass die aktuelle Struktur der Regionalliga Mitte von den Betroffenen selbst kritisch hinterfragt wird. Weitensfelders resignierter Zusatz, „Aber es werden ja leider nie wirklich feste Entscheidungen getroffen„, spiegelt zudem eine verbreitete Frustration wider.
Fazit: St. Annas Dilemma als Spiegelbild
Die Überlegungen in St. Anna sind weit mehr als ein lokales Problem. Sie könnten, zusammen mit Stimmen wie der von Stefan Weitensfelder, ein Weckruf für den ÖFB und die Landesverbände sein, die Strukturen und die finanzielle Ausstattung der Regionalligen kritisch zu evaluieren. Es braucht Modelle, die ambitionierten Vereinen ermöglichen, sportlich erfolgreich zu sein, ohne ihre wirtschaftliche Basis zu gefährden.
St. Annas Entscheidung wird Signalwirkung haben. Sie könnte ein starkes Statement für finanzielle Vernunft und regionale Identität sein – oder für den ungebrochenen sportlichen Ehrgeiz. So oder so steht die Regionalliga, angestoßen durch Berichte wie diesen und die Sorgen der Vereine, vor einer wichtigen Debatte über ihre eigene Zukunft.
Artikel in der Kleinen Zeitung: St. Anna denkt laut über Rückzug aus „finanzieller Totenliga“ nach