Der Streit zwischen Österreichs Eishockey-Nationalspielerinnen und dem ÖEHV hat längst eine neue Eskalationsstufe erreicht. Mehrere Führungsspielerinnen fehlen beim kommenden Camp, selbst ein Boykott der Weltmeisterschaft steht im Raum. Die younion-Sportgewerkschaft fordert inzwischen sogar, das Sportministerium solle die Vorgänge im Verband prüfen.
Bei aller Emotionalität darf ein Punkt allerdings nicht zur Verhandlungssache werden: Wer für Österreich aufs Eis geht, darf dafür nicht auch noch persönlich zur Kasse gebeten werden.
Entstehen durch Trainingslager, Länderspiele oder Turniere zusätzliche Kosten, müssen diese abgedeckt sein. Dasselbe gilt für Unterkünfte, medizinische Betreuung, Trainingsbedingungen, Ausrüstung und die organisatorischen Rahmenbedingungen.
Wenn Spielerinnen Urlaub opfern, beruflich Einkommen verlieren und gleichzeitig das Nationaltrikot tragen, ist Gesprächsbedarf nicht nur nachvollziehbar, sondern zwingend.
Österreichs Frauen haben sportlich längst geliefert
Was dieses Nationalteam erreicht hat, verdient höchsten Respekt.
Erstmals gelang Österreich der Sprung in die Top Division. Historisch. Und angesichts der Rahmenbedingungen im heimischen Frauen-Eishockey beinahe noch beeindruckender, als es ohnehin klingt.
Wer regelmäßig Spiele verfolgt, weiß: Das sportliche Niveau ist deutlich höher, als es Zuschauerzahlen und öffentliche Wahrnehmung vermuten lassen.
Genau dort liegt allerdings eine Baustelle, die in der aktuellen Debatte beinahe untergeht.
Die große Frage: Wer schaut eigentlich hin?
Bei hochklassigen Partien des österreichischen Frauen-Eishockeys verlieren sich teilweise nur wenige Dutzend Zuschauer auf den Tribünen. Angehörige, Freunde, einige treue Anhänger. Viel mehr ist es oftmals nicht.
Das ist ernüchternd und hat Folgen.
Fehlen Zuschauer, fehlt Reichweite. Fehlt Reichweite, sinkt das Interesse klassischer Medien. Ohne mediale Präsenz wird wiederum die Suche nach Sponsoren erheblich schwieriger. Und ohne zusätzliche Einnahmen lassen sich professionelle Strukturen nicht einfach aus dem Boden stampfen.
Der österreichische Sport wird öffentlich massiv von Fußball und Skisport dominiert. Schon Männer-Eishockey tut sich abseits seiner Hochburgen schwer, dauerhaft Aufmerksamkeit zu erzeugen. Scheiden Klagenfurt und Villach in der Liga aus, sinken die Zuschauerzahlen im TV ins Bodenlose! Für Frauen-Eishockey ist diese Hürde noch einmal höher.
Deshalb muss die Diskussion breiter geführt werden: Was unternehmen Verband, Liga, Vereine, Medien und Sportfans eigentlich dafür, Frauen-Eishockey dauerhaft sichtbar und attraktiv zu machen?
Bessere Bedingungen vom ÖEHV einzufordern, ist legitim. Nur braucht Professionalisierung auf Dauer eben auch ein Fundament, das sie finanziell trägt.
Ohne Reichweite wird Sponsoring zum Kraftakt
Unterstützer gibt es. Ebenso Menschen, die mit viel Herzblut und persönlichem Engagement Geld und Energie in das Frauen-Eishockey stecken.
Was wesentlich schwerer zu finden ist, sind klassische Sponsoren, die aufgrund wirtschaftlich interessanter Reichweiten investieren.
Der Grund liegt auf der Hand: Die Aufmerksamkeit ist überschaubar.
Größere mediale Präsenz entsteht meist erst bei internationalen Turnieren oder außergewöhnlichen Erfolgen. Der Ligaalltag findet dagegen häufig weitgehend unter dem Radar statt.
Deshalb greift es zu kurz, die gesamte strukturelle Problematik des österreichischen Frauen-Eishockeys auf einen Streit zwischen Nationalspielerinnen und Verband zu reduzieren.
Manche Berichte erzählen nur die halbe Geschichte
Auch die mediale Aufarbeitung des Konflikts verdient einen kritischen Blick.
Schwere Vorwürfe der Spielerinnenseite erhalten breiten Raum. Die Sicht des ÖEHV wirkt in manchen Darstellungen dagegen deutlich weniger präsent oder folgt erst später.
Der Verband argumentiert, bereits seit Monaten an Verbesserungen zu arbeiten. Für 2027 ist laut ÖEHV ein neues Modell für Vergütungen und Entschädigungen bei allen drei Senioren-Nationalteams vorgesehen.
Auch aus Gesprächen im Umfeld des Summer Hockey Cups in Ferlach ergibt sich der Eindruck, dass bereits an mehreren Punkten Veränderungen vorgenommen beziehungsweise Verbesserungen umgesetzt wurden.
Die entscheidende journalistische Frage lautet daher: Was hat sich tatsächlich geändert und warum findet das in der öffentlichen Debatte vergleichsweise wenig Beachtung?
Kritischer Journalismus darf einen Verband selbstverständlich hart hinterfragen. Er sollte aber genauso wenig die Aussagen einer Konfliktseite automatisch als endgültige Wahrheit behandeln.
Auch das Umfeld der Spielerinnen ist nicht von Fragen befreit
In diesem Zusammenhang fällt auch der Name Patrick Harand, der wie Sascha Tomanek bei der Eishockeyspieler:innen UNION tätig ist.
Im österreichischen Eishockey-Umfeld hält sich seit geraumer Zeit die Darstellung, Harand habe selbst Interesse an der Position des Frauen-Nationalteamtrainers gehabt, bevor sich der ÖEHV 2022 für Alexander Bröms entschied.
Ob diese Vorgeschichte heute irgendeine Rolle spielt, lässt sich nicht seriös beurteilen.
Gerade weil der Konflikt inzwischen öffentlich und mit enormer Härte ausgetragen wird, darf der Punkt dennoch hinterfragt werden. Nicht als Vorwurf und schon gar nicht als feststehende Tatsache, sondern als Teil einer umfassenden Betrachtung aller handelnden Personen und Interessen.
Auch der Fall Christian Klepp wirft Fragen auf
Ähnlich komplex erscheint die Personalie Christian Klepp. Der bisherige Teammanager äußerte selbst Kritik an Gesprächsführung und Umgang des ÖEHV mit den Nationalspielerinnen. Gleichzeitig soll er jedoch auch Vorbehalte dagegen gehabt haben, auf welche Weise Spielerinnen gemeinsam mit Gewerkschaft und Medien öffentlichen Druck aufgebaut haben.
Ob ihm seine Kritik am Verband letztlich geschadet hat, ist offen. Ebenso ungeklärt bleibt, welchen Stellenwert Aussagen hatten, wonach Spielerinnen für Chancen im Nationalteam faktisch bei den Sabres spielen müssten.
Genau solche Punkte gehören sauber beantwortet, bevor daraus endgültige Urteile entstehen.
Christian Klepp widerspricht Sabres-Vorwurf
Der bisherige Teammanager weist die Behauptung, Spielerinnen hätten für bessere Nationalteamchancen bei den Sabres spielen müssen, klar zurück.
Gegenüber Sport Fan bezeichnet Klepp diesen Vorwurf als „völlig haltlos“. Er erklärt, eine solche Vorgabe habe es unter seiner Verantwortung nie gegeben. Seiner Darstellung zufolge werde dieses Gerücht seit längerer Zeit von einzelnen Personen beziehungsweise Vereinen verbreitet.
Klepp betont zudem, dass Verantwortliche im ÖEHV über die Vorwürfe und seine klare Zurückweisung informiert seien. Persönlich treffe ihn die Sache besonders, weil er seit Jahrzehnten viel Zeit, Energie und auch eigenes Geld in das Frauen-Eishockey investiert habe. Solche Aussagen tun einfach nur weh und sind extrem verletzend, so Klepp.
Stockbetten sorgen für Schlagzeilen, doch der Zeitpunkt zählt
Besonders plakative Beispiele prägen verständlicherweise die öffentliche Wahrnehmung. Dazu zählt auch die inzwischen häufig zitierte Geschichte rund um Stockbetten.
Nach unseren Informationen liegt dieser Vorfall allerdings bereits rund zehn Jahre zurück. Das macht damalige Missstände nicht besser. Entscheidend ist jedoch, sauber zwischen früheren und heutigen Bedingungen zu unterscheiden.
Denn gerade aktuell ergibt sich ein deutlich anderes Bild: Nach unseren Informationen wird das Frauen-Nationalteam bei der WM in Dänemark in einem Hotel untergebracht, das rund 280 Euro pro Nacht kostet. Die Herren sollen bei ihrer WM in der Schweiz sogar günstiger gewohnt haben.
Auch das gehört zur Einordnung. Werden ältere Vorfälle und heutige Zustände ohne zeitliche Trennung nebeneinandergestellt, kann schnell der Eindruck entstehen, sämtliche Probleme bestünden unverändert weiter.
Wenn Missstände heute noch vorhanden sind, müssen sie klar benannt und belegt werden. Wenn sich Bedingungen inzwischen verbessert haben, gehört aber auch das zur vollständigen Geschichte.
Gleichbehandlung heißt nicht identische wirtschaftliche Realität
Ein Punkt wird in dieser Diskussion besonders ungern ausgesprochen, darf aber nicht fehlen: Frauen-Eishockey ist in Österreich derzeit Amateursport.
In der ICE Hockey League verdienen zahlreiche Männer ihren Lebensunterhalt mit dem Eishockeysport. Bei Österreichs Spielerinnen existiert diese berufliche Realität in dieser Form nicht.
Keine österreichische Spielerin kann hierzulande ausschließlich als Eishockey-Profi leben. Auch international ist jene Gruppe, die ihren gesamten Lebensunterhalt allein durch den Sport bestreiten kann, äußerst klein.
Gerade deshalb ist der Aufstieg Österreichs in die Top Division so bemerkenswert.
Diese Spielerinnen trainieren mit enormem Einsatz auf internationalem Niveau und bewältigen daneben Beruf, Studium oder Ausbildung.
Daraus folgt umso deutlicher: Eine Einladung zum Nationalteam darf für keine Spielerin bedeuten, dass sie am Ende finanziell schlechter aussteigt.
Gleichzeitig wäre es unehrlich, daraus abzuleiten, dass Frauen- und Männer-Eishockey wirtschaftlich bereits auf demselben Fundament stehen würden.
Gleichwertige Behandlung bei Nationalteammaßnahmen und identische wirtschaftliche Voraussetzungen im gesamten Sport sind zwei unterschiedliche Fragen. Beide gehören diskutiert, aber eben sauber voneinander getrennt.
Professionalität braucht mehr als Forderungen
Natürlich kann und muss ein Verband bessere Bedingungen schaffen. Er kann Standards definieren, Kosten übernehmen, Abläufe professionalisieren und dafür sorgen, dass seine Nationalspielerinnen jene Wertschätzung erfahren, die ihre Leistungen verdienen.
Was kein Verband alleine erschaffen kann, sind volle Tribünen, hohe TV-Quoten und millionenschwere Sponsorenverträge.
Professionalität kann organisatorisch vorangetrieben werden. Wirtschaftlicher Wert entsteht jedoch nur dann nachhaltig, wenn Menschen hinschauen.
Genau hier sind plötzlich deutlich mehr Beteiligte gefragt als nur der ÖEHV.
Vereine müssen Geschichten erzählen und Fans gewinnen. Die Liga braucht ein vermarktbares Produkt. Medien müssen bereit sein, nicht nur dann hinzusehen, wenn ein Konflikt eskaliert. Sponsoren benötigen interessante Plattformen. Und auch das Publikum entscheidet mit jedem Ticket und jedem Klick darüber, welche Sportarten sichtbar werden.
Bei diesem Streit drohen am Ende alle zu verlieren
Österreichs Nationalspielerinnen haben sportlich etwas geschafft, das ihnen niemand mehr nehmen kann.
Ihre Forderungen nach vernünftigen, professionellen und gleichwertigen Rahmenbedingungen verdienen deshalb eine ernsthafte Auseinandersetzung.
Gleichzeitig hat auch der ÖEHV Anspruch darauf, dass seine Position, geplante Maßnahmen und bereits umgesetzte Veränderungen vollständig dargestellt werden.
Eine öffentliche Schlammschlacht bringt das Frauen-Eishockey keinen Schritt weiter.
Denn selbst wenn der aktuelle Konflikt morgen gelöst wäre, bliebe die vielleicht schwierigste Frage bestehen:
Wie schafft es österreichisches Frauen-Eishockey, auch zwischen Weltmeisterschaften relevant zu sein?
Solange bei starken Ligaspielen 20, 30 oder 50 Zuschauer auf der Tribüne sitzen, Berichterstattung überschaubar bleibt und Sponsoren kaum Reichweite erhalten, wird der Weg zur vollständigen Professionalisierung steinig bleiben.
Die Spielerinnen haben ihren Teil auf dem Eis längst erledigt.
Jetzt sind Verband, Vereine, Liga, Medien, Wirtschaft und Fans gefordert.
Deshalb sollte die Debatte nicht bei der Frage enden, was der ÖEHV falsch gemacht hat.
Mindestens ebenso wichtig ist zu klären: Was wurde bereits verbessert? Wo besteht weiterhin Handlungsbedarf? Wer trägt welche Verantwortung? Und wem hilft es eigentlich, wenn dieser Streit immer weiter eskaliert?
Jetzt seid ihr gefragt
Wie seht ihr den Konflikt? Trägt der ÖEHV die Hauptverantwortung, oder wird die Debatte derzeit zu einseitig geführt? Und was müsste passieren, damit Frauen-Eishockey in Österreich endlich jene Aufmerksamkeit bekommt, die die sportlichen Leistungen verdienen?
Schreibt eure Meinung in die Kommentare.
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Wieder mal eine Punktlandung Herr Krawagner. So sollte Journalismus aussehen indem man die Medaille auch mal umdreht.
Vielleicht sollte man diesen Konflikt im österreichischen Damen-Eishockey einmal aus der anderen Perspektive betrachten:
Eine Nationalmannschaft besteht aus 22 Spielerinnen. Wenn sechs Spielerinnen – zwei Torfrauen und vier Feldspielerinnen – im Mittelpunkt des Konflikts stehen, stellt sich auch die Frage: Was ist mit den 16 anderen Spielerinnen, die ebenfalls gerne zu dieser Weltmeisterschaft fahren würden?
Man kann eine Debatte nicht seriös führen, wenn man nur eine Seite betrachtet. Gerade im Journalismus sollte man Modelle auch einmal umdrehen, hinterfragen und die Interessen aller Betroffenen sichtbar machen.
Und es ist zu einfach, eine Zeitung mit Missständen der vergangenen zehn oder 15 Jahre zu füllen. Fehler passieren und werden immer wieder passieren. Entscheidend ist, ob man daraus lernt und Strukturen verbessert – oder ob man vergangene Missstände zusammenträgt, um daraus einen Boykott zu rechtfertigen.
Es geht schließlich nicht nur um sechs Spielerinnen, sondern um 22 Sportlerinnen, ihre sportliche Chance und die Verantwortung gegenüber dem gesamten Nationalteam.
Genau diese Perspektive vermisse ich in der bisherigen öffentlichen Diskussion.