Österreichs Frauen-Nationalteam steht vor einem historischen Herbst. Von 6. bis 16. November wartet in Dänemark erstmals die Top-Division der IIHF Women’s World Championship. Doch vor dem sportlichen Großereignis ging es zuletzt nicht nur um Powerplay, Forecheck und Kaderplätze. Die Spielerinnen hatten einen umfassenden Forderungskatalog vorgelegt und dabei neun Bereiche angesprochen, in denen sie Verbesserungsbedarf sehen.
Nun reagiert der Österreichische Eishockeyverband. Betreuung, Organisation, Kommunikation und Sichtbarkeit sollen neu geordnet beziehungsweise deutlich verbessert werden. Der ÖEHV spricht von konkreten Maßnahmen und einem strukturierten Prozess.
Historische WM erhöht den Druck
Die Ausgangslage könnte kaum größer sein. Österreichs Frauen spielen erstmals bei einer A-Weltmeisterschaft und damit auf der größten internationalen Bühne.
Der Verband macht deshalb klar, wo in den kommenden Wochen die Priorität liegt: Das Team soll bestmöglich auf die WM vorbereitet werden. Gleichzeitig soll aber auch das Verhältnis zwischen Spielerinnen und Verband auf neue Beine gestellt werden. Regelmäßige Gespräche sollen künftig dafür sorgen, dass Probleme nicht monatelang liegen bleiben, sondern frühzeitig angesprochen und abgearbeitet werden.
Das klingt zunächst selbstverständlich. Der Forderungskatalog zeigt allerdings, dass genau diese Selbstverständlichkeiten offenbar nicht überall gegeben waren.
Medizinische Betreuung wird aufgestockt
Ein zentraler Punkt der Spielerinnen war die medizinische und physiotherapeutische Versorgung.
Ab dem nächsten Camp sollen grundsätzlich zwei Physio- beziehungsweise Massagekräfte während der gesamten Dauer zur Verfügung stehen. Dr. Christian Koidl soll beim kommenden Lehrgang mehrere Tage dabei sein und die Mannschaft während der gesamten Weltmeisterschaft medizinisch betreuen.
Zusätzlich plant der ÖEHV weitere Maßnahmen rund um Versicherungsschutz, Concussion-Tests und Anti-Doping-Themen. Auch mögliche medizinische Zugänge außerhalb der Nationalteam-Lehrgänge werden geprüft.
Schluss mit kurzfristigem Rätselraten
Deutliche Änderungen gibt es auch bei der Planung.
Einberufungen sollen grundsätzlich 28 Tage vor Beginn eines Camps erfolgen. Termine bis Saisonende sollen frühzeitig kommuniziert werden, Kaderlisten wieder mit jeder Einberufung verschickt und Flugtickets schneller an die Spielerinnen weitergeleitet werden.
Auch der direkte Draht zum Teamchef soll verbessert werden. Fragen oder Probleme sollen künftig zeitnah besprochen werden.
Gerade für Spielerinnen, die neben dem Eishockey arbeiten, studieren oder in Nordamerika aktiv sind, ist diese Planbarkeit alles andere als eine Nebensache.
Auch beim Staff bewegt sich etwas
Beim Trainer- und Betreuerteam wurden bereits erste Veränderungen vorgenommen. Pierre Groulx ist als Tormanntrainer dabei, Gaber Podrekar übernimmt Aufgaben als Off-Ice-Coach.
Weitere von den Spielerinnen angesprochene Personalthemen werden nach Angaben des Verbandes noch behandelt. Auch bei Ausfällen von Staff-Mitgliedern sollen künftig klarere Vertretungslösungen gefunden werden.
Parallel dazu kommt es auf Managementebene zu einer bemerkenswerten Verschiebung: General Manager Martin Kogler soll sich im Frauenbereich künftig auf das Bundesleistungszentrum in Villach sowie die dort geplante U18-Weltmeisterschaft der Division I im Jänner 2027 konzentrieren.
Für seine bisherige Aufgabe laufen bereits Gespräche mit einer Nachfolgekandidatin. Eine Entscheidung soll laut Verband in Kürze fallen.
Neue Regeln bei Unterbringung und Infrastruktur
Auch rund um Camps sollen die Standards steigen. Künftig sollen höchstens zwei Spielerinnen in einem Zimmer untergebracht werden. Die Nutzung eines oberen Stockbetts soll nicht mehr notwendig sein. Bei langen Anreisen kann eine Ankunft bereits am Vortag ermöglicht werden.
Bei Trainingsstätten zieht der Verband ebenfalls Konsequenzen. Die Halle in Götzens soll für ÖEHV-Camps nicht mehr gebucht werden. Geeignete Kabinen, Gym-Möglichkeiten und ein täglicher Wäscheservice sollen stärker beziehungsweise standardmäßig berücksichtigt werden.
Viele dieser Punkte wirken auf den ersten Blick wie Kleinigkeiten. Im Hochleistungssport entscheiden aber gerade solche Rahmenbedingungen darüber, ob ein Nationalteam tatsächlich professionell arbeiten kann.
Finanzielle Spielregeln werden neu geordnet
Ein weiterer großer Themenblock betrifft die finanzielle Behandlung der Nationalteamspielerinnen.
Für die Zukunft liegt ein neues Vergütungsmodell vor, das unterschiedliche Lebens- und Erwerbssituationen der Spielerinnen berücksichtigt. Dabei wird zwischen hauptberuflichen Profisportlerinnen und Spitzensportlerinnen unterschieden, deren Lebensunterhalt überwiegend aus Studium, Ausbildung oder einem anderen Beruf stammt.
Auf die Veröffentlichung einzelner Beträge verzichtet der ÖEHV in seiner öffentlichen Aussendung. Dort spricht der Verband grundsätzlich von einem transparenten Kompensationsmodell, das nach der Weltmeisterschaft gemeinsam mit weiteren Strukturthemen weiterentwickelt werden soll.
Die Richtung ist damit vorgegeben. Entscheidend wird sein, wie transparent und praxistauglich dieses Modell für die Spielerinnen tatsächlich gelebt wird.
Mehr Respekt, nicht nur mehr Ressourcen
Besonders sensibel ist ein weiterer Punkt des Forderungskatalogs: der Umgang mit den Spielerinnen.
Der ÖEHV hält fest, dass respektloses oder unprofessionelles Verhalten nicht akzeptiert wird. Personen, die im Zusammenhang mit konkreten Vorfällen angesprochen worden waren, befinden sich laut Verbandsantwort nicht mehr im Staff.
Künftig sollen regelmäßige Meetings zwischen Mannschaft und Betreuungsteam helfen, Konflikte schneller sichtbar zu machen. Als möglicher Rhythmus wurden Gespräche alle drei bis vier Wochen genannt.
Hier geht es nicht um Komfort. Respekt und professionelle Kommunikation gehören zu den Grundvoraussetzungen eines leistungsfähigen Nationalteams.
Frauen-Team soll raus aus dem Schatten
Auch bei der öffentlichen Wahrnehmung will der Verband zulegen.
Das ÖEHV-Content-Team wurde nach Verbandsangaben deutlich personell aufgestockt. Die Nationalteams erhalten eigene Bereiche auf der neu gestalteten Website, während auch Fanshop und Trikotbestellungen verbessert werden sollen.
In seiner aktuellen Aussendung kündigt der Verband zudem ausdrücklich eine stärkere kommunikative Präsenz des Frauen-Nationalteams an. Nach der WM sollen Sichtbarkeit und Wachstum des Fraueneishockeys zu einem von vier zentralen Entwicklungsschwerpunkten werden.
ÖEHV-Präsident Klaus Hartmann: „Unser Fokus liegt jetzt klar auf der bestmöglichen Vorbereitung für die A-WM. Gleichzeitig setzen wir konkrete Maßnahmen um: Wir schaffen verlässliche Kommunikationswege, arbeiten die offenen Themen strukturiert ab und stärken die Rahmenbedingungen rund um unser Frauen-Nationalteam. Wir wissen, dass wir uns weiterentwickeln können und werden – und wir sind entschlossen, eine nachhaltige Basis für die Zukunft des Fraueneishockeys in Österreich zu schaffen.“
Viele Zusagen, jetzt beginnt der schwierigere Teil
Der ÖEHV hat auf den Forderungskatalog nicht mit ein paar wohlklingenden Sätzen reagiert, sondern zahlreiche konkrete Maßnahmen angekündigt. Medizinische Betreuung, Planung, Infrastruktur, Staff, Kommunikation und finanzielle Rahmenbedingungen sollen verbessert werden.
Das ist ein wichtiges Signal.
Gleichzeitig darf man die Sache nicht schöner reden, als sie ist. Einige der Forderungen betreffen Standards, die im Spitzensport eigentlich längst selbstverständlich sein sollten. Dass die Spielerinnen sie ausdrücklich einfordern mussten, wirft zumindest Fragen auf.
Jetzt zählt deshalb weniger, was auf sechs Seiten Papier steht. Entscheidend ist, was beim nächsten Lehrgang tatsächlich passiert.
Und spätestens bei der historischen A-WM in Dänemark wird sich zeigen, ob aus den Ankündigungen tatsächlich ein professionellerer Alltag geworden ist.
Wie seht ihr die Reaktion des ÖEHV? Sind die angekündigten Maßnahmen der große Schritt nach vorne oder hätte der Verband schon deutlich früher handeln müssen? Schreibt uns eure Meinung in die Kommentare.