ÖEHV-Machtspiel: Wer „Stillstand“ ruft, muss erst diese Bilanz wegerklären

Christian Kern formiert eine neue Mannschaft, Präsident Klaus Hartmann soll weichen.

Foto ÖEHV
Foto: ÖEHV

Hinter den Kulissen wird schon um Posten und Einfluss gefeilscht, während die wichtigste Frage auf der Strecke bleibt: Weshalb soll eine Verbandsspitze gehen, unter der Österreichs Eishockey spürbar gewachsen ist und echte Reformen angestoßen wurden? Eine kritische Bestandsaufnahme, die manchem Strategen den Kaffee verleiden dürfte.

Erst die Schlagzeile, dann die Fakten?

Man reibt sich die Augen. Die Nationalteams halten international mit, im Nachwuchs sind neue Strukturen entstanden, und das Frauen-Eishockey hat eine historische Marke geknackt. Trotzdem soll an der Verbandsspitze plötzlich alles im Argen liegen.

So lautet jedenfalls die Erzählung jener Kräfte, die Hartmann und sein Präsidium vor dem Ende der laufenden Funktionsperiode loswerden wollen.

Die Kleine Zeitung berichtete am 7. November über die weitgehend fertige Truppe um Ex-Bundeskanzler Christian Kern. Dabei sind Namen aus Wirtschaft, Politik, Sport und Medien. Die Botschaft: Das heimische Eishockey brauche neuen Schwung und neue Köpfe. Der frühere ORF-Kommentator Michael Berger spricht gar von Stillstand im Verband.

Stillstand? Ausgerechnet jetzt?

Das ist mehr als eine knackige Überschrift. Das ist eine Behauptung, die einen Faktencheck braucht. Wer eine gewählte Führung grundsätzlich in Frage stellt, sollte schon sagen können, welche Leistungen angeblich fehlen.

Diese Bilanz will so gar nicht zum Stillstand passen

Funktionäre misst man am Ende an der sportlichen Entwicklung und an den Rahmenbedingungen, die sie schaffen.

Das Männer-Nationalteam stand 2025 im WM-Viertelfinale. Platz acht war das beste WM-Ergebnis seit 1994, und das Team wurde prompt zu Österreichs Team des Jahres gekürt. 2026 folgte erneut der Klassenerhalt in der höchsten WM-Spielklasse.

Bei den Frauen fiel 2025 eine Schallmauer: Erstmals schaffte Österreich den Sprung in die Weltelite. Die erste A-WM läuft bereits, und der Einstand verlief durchwachsen. Gegen Tschechien ging das Team durch Anna Meixners Premierentor sogar 1:0 in Führung, ein Treffer für die Geschichtsbücher, verlor am Ende aber 1:4. Gestern setzte es gegen Deutschland ein 0:2. Zwei Niederlagen gegen Schwergewichte tun weh, gehören für einen Neuling in der Weltelite aber zur Lehrzeit. Der Eintrag im Geschichtsbuch steht jedenfalls schon.

Klar, diese Erfolge gehören zuallererst den Spielerinnen, Spielern, Trainern und allen, die seit Jahren dafür schuften. Aber soll die Verbandsspitze dabei bloß Zuschauerin gewesen sein? Läuft es schlecht, haftet der Präsident. Läuft es gut, hat er plötzlich nichts damit zu tun? Das wäre ein bequemes Spiel.

Wer Verantwortung einfordert, muss auch Leistung anerkennen. Sonst wird aus Kritik eine einseitige Abrechnung.

Nachwuchs: Dort, wo keine Kameras laufen

Spannend wird es abseits der Nationalteam-Schlagzeilen. Seit 2020 hat die aktuelle Führung einiges bewegt.

Die Österreichische Eishockey Liga kam als zusätzliche Spielklasse dazu. Die Nachwuchsligen liegen wieder direkt in Verbandshand. Es gibt ein neues Ausbildungskonzept, mehr Trainerfortbildungen und eine bessere digitale Erfassung und Übertragung der Meisterschaftsspiele.

Ein Highlight ist das Programm PEER. 2022 startete es mit drei Standorten, in der Saison 2025/26 sind es neun in sieben Bundesländern. Allein zwischen 2022 und 2024 wurden über 700 Kindergartenkinder aufs Eis geholt. Der weitere Ausbau ist geplant.

Das garantiert keine ausverkauften Hallen von heute auf morgen. Es ist eine Investition in die Zukunft.

Laut Leistungsbilanz des Verbands gab es in der Saison 2024/25 insgesamt 7.892 lizenzierte Spielerinnen und Spieler. Die Zahl der lizenzierten Spielerinnen kletterte seit 2020/21 von 489 auf 753. Natürlich stammen diese Werte aus der Eigenbilanz des ÖEHV und gehören entsprechend eingeordnet. Es sind aber konkrete Angaben, an denen sich die Führung messen lassen muss.

Wer pauschal von Stillstand spricht, sollte zuerst erklären, warum all das nichts zählen soll.

Große Namen sind noch kein großes Konzept

Kern bringt politische Erfahrung und Wirtschaftskontakte mit. Andreas Bierwirth wird als Leiter eines neuen Wirtschaftsgremiums gehandelt, Berger soll Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit übernehmen, und auch Philipp Trattner und Theresa Hornich sollen mit anpacken. Das kann eine reizvolle Mischung sein.

Nur: Prominenz ersetzt keine sportpolitische Strategie. Wo ist das ausformulierte Programm? Welche Finanzzusagen gibt es? Wie werden Nachwuchs, Frauen-Eishockey und Breitensport bezahlt? Welche Rolle spielen Landesverbände und kleinere Klubs? Und was macht dieses Team nachweislich besser als die jetzige Führung?

Am 23. Oktober berichtete der ÖEHV von einer Landespräsidentenkonferenz in Salzburg. Laut Verband waren dort wesentliche Fragen zu Programm, Zielen und künftiger Organisation der Initiative noch offen. Inzwischen kursieren weitere Personalien und Ideen. Ob daraus ein durchfinanzierter, mit den Mitgliedern abgestimmter Reformplan geworden ist, lässt sich aus den veröffentlichten Informationen nicht ablesen.

Wer einen Wechsel fordert, sollte mehr vorlegen als eine Starliste und die Aussicht auf bessere Zeiten.

Ein prominent besetzter Sitzungstisch gewinnt noch kein Eishockeyspiel.

Die Legionärsfrage: Spielen hier alle dasselbe Spiel?

Genau hinsehen sollte man bei den anstehenden Gesprächen zwischen ÖEHV und ICE Hockey League, denn dort prallen Interessen aufeinander.

Profiklubs wollen konkurrenzfähige Kader und brauchen dafür wirtschaftlichen Spielraum und flexible Planung. Das ist nachvollziehbar. Ein Nationalverband hat aber einen anderen Auftrag: Er muss dafür sorgen, dass heimische Talente ausgebildet werden und eine echte Chance bis ganz nach oben bekommen.

Hier liegt der Konflikt. Was hilft eine glänzende Profiliga, wenn junge Österreicher kaum noch Eiszeit sammeln? Und wer trägt in ein paar Jahren das Nationaltrikot, wenn kurzfristige Kaderentscheidungen die langfristige Ausbildung verdrängen?

Hartmann betonte in seiner jüngsten Stellungnahme, der Verband wolle an seiner Linie zur Förderung österreichischer Spieler festhalten. Darüber lässt sich sachlich streiten. Die neue Gruppierung sollte darum offenlegen, welche Kaderregelung sie anstrebt und wie sie die Entwicklung heimischer Talente absichern will.

Ein Zusammenhang zwischen dem geplanten Führungswechsel und konkreten Interessen bei den Ligaverhandlungen ist nicht bewiesen. Gerade deshalb braucht es Transparenz statt gegenseitiger Unterstellungen.

Frauen-Eishockey: Die Probleme waren echt, die Lösungen zählen aber auch

Auch wir haben den Streit zwischen den Nationalspielerinnen und dem ÖEHV kritisch begleitet. Die Forderungen nach guter Betreuung, fairen finanziellen Bedingungen und professionellen Strukturen waren und sind berechtigt. Wer Österreich international vertritt, darf dafür nicht draufzahlen.

Der Konflikt im August war ernst. Ihn kleinzureden wäre ebenso falsch, wie ihn heute so darzustellen, als hätte sich nichts getan. Anfang September wurde nach intensiven Gesprächen eine Einigung über zentrale Punkte bekannt. Ab 2027 ist ein neues Vergütungsmodell vorgesehen, dazu kommen bessere Rahmenbedingungen. Ob alles nachhaltig greift, zeigt erst die Umsetzung.

Genau da beginnt ausgewogener Journalismus: Wer über einen Konflikt ausführlich berichtet, muss auch erzählen, wie es weiterging. Dazu kommt der geplante Ausbau der Frauen-Eishockey-Infrastruktur in Villach. Die Probleme des heimischen Frauensports sind damit nicht gelöst, aber es wäre unfair, begonnene Veränderungen auszublenden.

Auch bei den Finanzen hilft nur Ehrlichkeit

Ein weiterer Streitpunkt ist die wirtschaftliche Führung. Bei der Salzburger Konferenz erklärte Hartmann laut ÖEHV, das frühere Stiftungsvermögen sei vollständig vorhanden und entsprechend veranlagt. Der laufende Betrieb werde daraus nicht bezahlt. Der Verband verweist zudem auf einen ausgeglichenen Jahresabschluss 2025 und ein uneingeschränktes Testat des Wirtschaftsprüfers.

Das sind wichtige Angaben. Eine Stellungnahme des Verbands ist aber keine unabhängige Prüfung aller erhobenen Vorwürfe.

Zur ganzen Wahrheit gehört auch der Rechtsstreit mit dem Kurier. Am 30. Oktober wies das Handelsgericht Wien einen Antrag des ÖEHV auf einstweilige Verfügung ab. Der Verband kündigte Gegenmaßnahmen an, das Hauptverfahren war Anfang November noch offen. Das ist kein Schlussurteil über alle finanziellen Vorwürfe, darf aber ebenso wenig unter den Tisch fallen.

Wer Hartmann verteidigt, muss unbequemen Fragen nicht ausweichen. Im Gegenteil: Eine Führung, die auf ihre wirtschaftliche Arbeit pocht, sollte prüfbare Unterlagen und verständliche Antworten liefern. Transparenz ist kein Zugeständnis an Kritiker, sondern eine Stärke.

Und die Landesverbände? Wo stehen die wirklich?

Interessant ist, worauf sich die neue Initiative tatsächlich stützen kann. In manchen Berichten entstand zeitweise der Eindruck, weite Teile des heimischen Eishockeys stünden geschlossen hinter dem Wechsel.

Nach der veröffentlichten Darstellung des ÖEHV ergab die Salzburger Konferenz am 23. Oktober ein differenzierteres Bild. Die vertretenen Landesverbände sahen demnach auf Basis der vorgelegten Informationen keinen sachlichen Grund, die laufende Amtszeit des Präsidiums vorzeitig zu beenden.

Das hat Gewicht. Es beweist nicht, dass alle Landesverbände dauerhaft zu Hartmann halten, und es sagt auch nichts über den Ausgang einer möglichen Abstimmung. Es zeigt aber, dass die Behauptung einer geschlossenen Front gegen das Präsidium sauber geprüft werden muss.

Wer für das ganze österreichische Eishockey sprechen will, muss zuerst belegen, wen er wirklich vertritt.

Warum diese Eile?

Das Präsidium wurde im Juni 2024 für vier weitere Jahre gewählt. Jetzt ist von einer außerordentlichen Generalversammlung noch 2026 die Rede. Das ist ein legitimes demokratisches Mittel, doch ein vorzeitiger Wechsel braucht eine starke Begründung.

Was ist so dringend, dass man die reguläre Periode nicht abwarten kann? Welche konkreten Missstände rechtfertigen den sofortigen Umbau? Welche laufenden Reformen werden fortgesetzt, verändert oder gestoppt? Und hilft es dem Sport, wenn die kommenden Monate vom öffentlichen Machtkampf geprägt sind?

Das sind keine Angriffe auf Kern und seine Mitstreiter. Es ist der Mindeststandard für jede ernsthafte Alternative.

Medien dürfen kritisch sein, aber bitte in alle Richtungen

Sportjournalismus hat die Aufgabe, Funktionäre zu kontrollieren: Missstände aufdecken, unbequeme Fragen stellen, Behauptungen prüfen. Das gilt selbstverständlich auch für Hartmann. Aber die Kritik darf nicht bei der amtierenden Führung haltmachen.

Wenn eine neue Gruppierung den Machtwechsel vorbereitet, gehören ihre Ziele, Unterstützer, wirtschaftlichen Verbindungen und möglichen Interessenkonflikte genauso ausgeleuchtet. Wer profitiert von einer anderen Kaderregelung? Welche Rolle sollen wirtschaftliche Berater tatsächlich spielen? Wie viel Einfluss bekommen die Profiklubs? Wer sichert die Interessen der Nachwuchsvereine? Und warum spielt die umfangreiche Bilanz des bestehenden Präsidiums in manchen Debatten kaum eine Rolle?

Das sind journalistische Fragen, keine Verschwörungstheorien. Veränderung einzufordern ist legitim, ob aus Wien, Graz, Linz oder sonst woher. Nicht legitim wäre es, einzelne Interessengruppen ungeprüft mit dem gesamten österreichischen Eishockey gleichzusetzen.

Eine Reformbewegung muss sich dieselben kritischen Fragen gefallen lassen wie die Führung, die sie ablösen will.

Hartmann ist nicht unfehlbar, verdient aber Fairness

Niemand behauptet ernsthaft, unter Hartmann sei alles makellos gelaufen. Es gab Konflikte, Kommunikationspannen und offene Streitfragen bei Wirtschaft und Sportpolitik. Manches hätte früher, transparenter und überzeugender gelöst werden können.

Zwischen berechtigter Kritik und der Pauschalbehauptung, ein ganzer Verband trete auf der Stelle, liegt aber ein gewaltiger Unterschied. Die Bilanz seit 2020 enthält konkrete Reformen, steigende Zahlen, zusätzliche Nachwuchsangebote und außergewöhnliche sportliche Resultate. Die Erfolge sind das Werk vieler, doch die Verbandsführung gehört zu den Verantwortlichen.

Wer Hartmann ablösen will, darf das versuchen. Er sollte aber nicht erwarten, dass der Name eines Ex-Kanzlers oder die Unterstützung einzelner Profiklubs als Beweis für die Notwendigkeit eines Machtwechsels reicht.

Unser Standpunkt: Erst überzeugen, dann fordern

Wir stehen hinter der bisherigen Aufbauarbeit von Hartmann und seinem Team, ohne ihnen einen Freibrief auszustellen. Erfolge, Reformen und nachprüfbare Entwicklungen verdienen Anerkennung, auch wenn sie nicht ins Bild einer angeblich gescheiterten Führung passen.

Kern und sein Team haben natürlich das Recht, eine Alternative anzubieten. Dann müssen sie aber erklären, warum ihr Weg besser ist. Nicht mit großen Namen und nicht mit Pauschalvorwürfen, sondern mit einem durchdachten Programm, soliden Finanzen und überzeugenden Perspektiven für den Nachwuchs.

Österreichs Eishockey braucht keine Schlammschlacht um Funktionärssessel. Es braucht Menschen, die zusammenarbeiten, Talente fördern und die sportliche Entwicklung über persönliche Interessen stellen.

Vielleicht sollten sich alle Beteiligten ehrlich fragen: Geht es wirklich darum, das heimische Eishockey besser zu machen, oder dreht sich schon zu viel darum, wer künftig das Sagen hat?

Jetzt seid ihr dran!

Ist ein vorzeitiger Führungswechsel beim ÖEHV angesichts der Erfolge und laufenden Reformen gerechtfertigt? Oder soll die aktuelle Führung weiterarbeiten und an klaren, überprüfbaren Zielen gemessen werden?

Schreibt es uns in die Kommentare. Sachlich, kritisch und mit dem Blick auf jene, um die es eigentlich geht: Österreichs Eishockeyspielerinnen und Eishockeyspieler!

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