PALASTREVOLTE IM ÖEHV: Wer greift nach der Macht?

Historische Erfolge bei Damen und Herren, ein wachsendes Nachwuchsnetzwerk, ein Verband im Aufwind – und ausgerechnet jetzt soll im ÖEHV alles umgekrempelt werden.

V.l.n.r.: Günther Ropatsch, Yasmin Stepina, Klaus Hartmann, Nicolas Stockhammer, Andreas Ösze Foto: Ernst Krawagner
V.l.n.r.: Günther Ropatsch, Yasmin Stepina, Klaus Hartmann, Nicolas Stockhammer, Andreas Ösze Foto: Ernst Krawagner

Im Hintergrund formiert sich eine Truppe aus Klubvertretern, alten Bekannten und alten Funktionären. Doch je näher man hinschaut, desto lauter wird eine Frage: Geht es wirklich um die Zukunft des heimischen Eishockeys – oder schlicht um Einfluss, Kohle und Sesselrücken?

Wien. Nicht jeder Krimi startet mit einem Knall. Manchmal reicht ein einziges Dokument.

Ein paar Seiten, neue Strukturen, neu verteilte Zuständigkeiten – und offenbar schon ziemlich konkrete Ideen, wer künftig an den Schalthebeln des österreichischen Eishockeys sitzen soll.

Je tiefer man in die Vorgänge rund um den Österreichischen Eishockeyverband eintaucht, desto schwerer fällt es, das Ganze noch als harmlose Strukturdebatte abzutun.

Klar, man darf Präsident Klaus Hartmann kritisieren. Auch seine Amtszeit war nicht fehlerfrei, und jeder Verband darf über seine Aufstellung nachdenken. Was aber gerade vorbereitet wird, sprengt diesen Rahmen offenkundig deutlich.

Verhandelt werden die Verbandsspitze, ein neuer Wirtschaftsbeirat, die Geschäftsführung, die sportliche Leitung und die Legionärsregelung. Kurzum: Wer bekommt künftig Macht, Geld und die sportpolitischen Zügel im heimischen Eishockey in die Hand?

Warum ausgerechnet jetzt gerettet werden muss, was gar nicht brennt

Genau das ist das erste große Fragezeichen dieser Geschichte.

Seit Juni 2020 führt Hartmann den Verband – und von handfestem Stillstand kann sportlich gesehen wirklich keine Rede sein.

Sechsmal in Folge behauptete sich das Herren-Nationalteam in der A-WM-Klasse, 2025 ging es in Schweden sogar bis ins Viertelfinale – prämiert im Anschluss mit dem NIKI als Mannschaft des Jahres.

Bei den Frauen wurde gleich Geschichte geschrieben: Im April 2025 gelang der erstmalige Aufstieg in die A-Gruppe. Österreichs Frauen-Eishockey spielt damit erstmals überhaupt auf höchster WM-Ebene mit.

Das sind keine hübschen Randnotizen für die Pressemappe. Das sind Ergebnisse. Und sie fallen ausgerechnet in jene Ära, die nun offenbar entmachtet oder komplett ausgetauscht werden soll.

Hartmanns Zeugnis hat mehr als nur Nationalteam-Schlagzeilen zu bieten

Blickt man abseits der großen Auftritte des Nationalteams genauer hin, wird die Bilanz noch dicker.

Unter der jetzigen Führung entstand die Österreichische Eishockey Liga, seit mittlerweile fünf Jahren eine zusätzliche Bühne für heimische Spieler. Die Austrian Women’s Hockey League wurde 2024/25 komplett neu aufgestellt, während die EWHL organisatorisch vom ungarischen Verband zurück unter das ÖEHV-Dach wechselte.

In Villach entsteht gerade ein Bundesleistungszentrum eigens fürs Fraueneishockey – die Kaderschmiede für jene Generation, die Österreich international künftig vertreten soll. 2027 kommt mit der U18-Frauen-WM der Division I B vom 9. bis 15. Jänner in Villach das nächste internationale Großereignis dazu. Ergänzt wird das Ganze durch PEER, ein Nachwuchsprojekt, das exakt dort ansetzt, wo Eishockeykarrieren wirklich beginnen: bei den Kindern.

Für alle, die behaupten, unter Hartmann bewege sich nichts, ist dieses Gesamtbild ziemlich unbequem. Man darf einzelne Projekte hinterfragen, mehr Tempo fordern, Verbesserungen einmahnen – aber Stillstand sieht spürbar anders aus.

Was in dieser Debatte ebenfalls nicht untergehen darf: Das Präsidentenamt im ÖEHV wird ehrenamtlich ausgeübt. Hartmann trägt diese Verantwortung nach Verbandsangaben ohne Präsidentengehalt. Das entzieht ihn keiner Kritik, gehört aber zur vollständigen Betrachtung seiner Arbeit dazu: Zeit, Verantwortung, öffentliche Angriffe und die Führung eines Verbandes stehen hier keiner bezahlten Spitzenposition gegenüber.

Die eigentliche Knochenarbeit passiert fernab der Scheinwerfer

Vielleicht liegt genau hier der größte blinde Fleck der aktuellen Debatte.

Österreichisches Eishockey ist eben nicht nur die ICE Hockey League. Es sind Hunderte Trainer, Eltern, Ehrenamtliche und kleine Vereine, die Kinder aufs Eis bringen, lange bevor ein Scout überhaupt ihren Namen kennt.

Allein in Kärnten stemmen nach vorliegenden Angaben knapp 40 Vereine die Nachwuchsarbeit. Dort wird das Schlittschuhlaufen erst erlernt, dort gibt es die ersten Meisterschaftsminuten, dort entstehen jene Spieler, die später vielleicht beim KAC, beim VSV, in der ICE Hockey League oder im Nationaldress landen.

Ohne diese Vereine gibt es oben schlicht nichts: keine heimischen Profis, keine Nationalspieler, keine A-WM – und irgendwann auch keine ICE Hockey League mit echter österreichischer Handschrift mehr.

In der Machtdebatte fehlt ausgerechnet dieses Fundament

Damit sind wir bei einem Punkt, der in der Diskussion um die geplante Neuordnung auffällig selten vorkommt.

Wo bleiben die kleinen Vereine? Wo ihre Anliegen? Wo das Konzept, um Trainingsmöglichkeiten zu verbessern, Trainer zu gewinnen, den Nachwuchs zu halten und Klubs in der Provinz zu stärken?

Über die Wünsche der Profiklubs liest man viel. Über mehr Mitspracherecht ebenso. Über Finanzen, Legionäre und neue Funktionen sowieso. Die Vereine aber, die tagtäglich junge Talente formen, tauchen in dieser Geschichte erstaunlich selten auf. Das ist kein Detail, das ist gefährlich – denn ein Verband, der nur von oben gedacht wird, verliert irgendwann sein Fundament ganz unten.

PEER als Blaupause, wie Nachwuchsarbeit eigentlich funktioniert

Genau an diesem Punkt setzt PEER an, ein Projekt der Hartmann-Führung.

Fünfjährige Kindergartenkinder kommen über mehrere Monate aufs Eis, lernen zunächst sicheres Schlittschuhlaufen und finden Schritt für Schritt den Weg zum Puck. Vereine, Gemeinden, Kindergärten, Trainer und Eltern ziehen dabei an einem Strang.

Klingt weniger glamourös als eine Transfermeldung aus der ICE Hockey League – ist aber genau der Stoff, aus dem in zehn, fünfzehn Jahren Nationalspieler werden. Nicht aus einer Vorstandssitzung, nicht aus einem Wirtschaftsbeirat und ganz sicher nicht aus einer zusätzlichen Legionärsstelle.

Dann platzt die Legionärsfrage mitten hinein

Genau hier tritt der Grundkonflikt offen zutage.

Teile der Profi-Liga hätten gerne mehr Freiheit bei ausländischen Spielern – aus Klubsicht durchaus nachvollziehbar, schließlich erleichtert ein größerer Markt die Kaderplanung. Ein Nationalverband aber muss weiter denken als bis zum nächsten Playoff. Er muss sich fragen, wer in fünf Jahren tatsächlich für Österreich aufläuft.

Bekommen junge Österreicher weniger Eiszeit, weil fertige Legionäre kurzfristig leichter verfügbar sind, profitiert womöglich der Klub – der Verband eher nicht. Die Legionärsfrage ist damit weit mehr als eine technische Regel. Sie zeigt schonungslos, wie unterschiedlich die Interessen sein können: Der Klub denkt an die kommende Saison, der Verband muss an die nächste Generation denken.

Wer bildet diese nächste Generation überhaupt aus?

Und damit sind erneut die kleinen Vereine im Spiel.

Fast 40 Vereine allein in Kärnten bedeuten fast 40 Orte, an denen Kinder trainieren, Trainer sich abrackern und Familien enorme Zeit investieren. Das ist kein romantisches Beiwerk – das ist die Produktionsstätte des österreichischen Eishockeys.

Die ICE Hockey League kann Spieler verpflichten, hervorbringen muss sie die Basis. Wer also über die Zukunft des heimischen Eishockeys sprechen will, sollte zuerst erklären, was seine Pläne für genau diese Vereine bedeuten: mehr Unterstützung, mehr Trainer, mehr Eiszeit, mehr Perspektive für deren Spieler – oder am Ende einfach nur härtere Konkurrenz durch mehr Legionäre? Das wäre die sportliche Kernfrage, die eine echte Reform beantworten müsste.

Stattdessen führt die Spur zum Geld

Besonders pikant wird der Machtkampf beim Blick auf die wirtschaftliche Lage einiger Profiklubs.

Nach den auf firmenatlas.com veröffentlichten Firmenbuchdaten des Bundesministeriums für Justiz ergibt sich folgendes Bild:

KlubAngeführter BilanzwertWirtschaftliche Einordnung
Black Wings Linz-2,2 Mio. € Eigenkapitalmassiv angespannt
Vienna Capitals-1,4 Mio. € Eigenkapitalmassiv angespannt
EC VSV-1,17 Mio. € Eigenkapitalhöchst angespannt
Pioneers Vorarlberg2,6 Mio. € Bilanzverlust / Liquidationäußerst kritisch
EC Red Bull Salzburg+85.000 € Eigenkapitalbilanziell dünn
Graz99ers+150.000 € Eigenkapitaldünn, aber positiv
HC Innsbruck+78.500 € Eigenkapitalgeringe Reserve
EC-KAC+493.000 € Eigenkapitalvergleichsweise solide

Negatives Eigenkapital ist selbstverständlich kein Beweis für unlautere Absichten – eine Bilanz muss immer im Gesamtzusammenhang betrachtet werden. Trotzdem bleibt die politische Konstellation bemerkenswert: Gerade Black Wings Linz, Vienna Capitals, EC VSV und Pioneers Vorarlberg werden im Umfeld jener Kräfte genannt, die eine tiefgreifende Neuordnung des Verbandes vorantreiben.

Und damit steht ein Widerspruch im Raum, der sich nicht so einfach wegdiskutieren lässt: Warum sollen Vertreter wirtschaftlich schwer angeschlagener Profiklubs ausgerechnet einen als finanziell stabil dargestellten Verband wirtschaftlich neu ordnen?

Der Wirtschaftsbeirat ist mehr als nur ein Randthema

Genau deshalb verdient der geplante Wirtschaftsbeirat besonderes Augenmerk.

Auf dem Papier klingt das herrlich modern: Wirtschaftskompetenz, Kontrolle, Professionalisierung. Entscheidend ist aber nicht der Name des Gremiums, sondern seine tatsächliche Macht. Soll er nur beraten oder mitentscheiden? Welche Kompetenzen bekommt er bei Budgetfragen? Wer entsendet die Mitglieder? Und wie werden Interessenkonflikte verhindert, wenn Profi-Vertreter gleichzeitig eigene wirtschaftliche Interessen ihrer Klubs verfolgen?

Das sind keine Nebensächlichkeiten. Der ÖEHV verwaltet schließlich nicht nur die Interessen einer Profiliga – seine Verantwortung reicht vom fünfjährigen PEER-Kind bis zum A-Nationalteam. Wer über das Geld entscheidet, entscheidet früher oder später auch, welcher dieser Bereiche Vorrang bekommt.

Aus dem Papier werden plötzlich Gesichter

Dann wird aus dem abstrakten Machtkampf ein sehr konkreter.

Längst kursieren nämlich Namen für die Zeit nach Hartmann. Christian Kern wird als möglicher Präsident gehandelt, Andreas Ösze soll für eine sportliche Führungsposition im Gespräch sein, Michael Berger könnte den Medienbereich übernehmen, Philipp Trattner wird als möglicher Geschäftsführer genannt – und auch Philipp Hofer soll wieder Ambitionen auf eine Funktion im Verband haben.

Sollten sich diese Personalien bestätigen, handelt es sich längst nicht mehr um eine lose Protestgruppe. Dann steht offenbar bereits ein fertiges Gegenmodell in den Startlöchern. Und genau das macht die Sache so brisant.

Doch eine Liste möglicher Funktionäre ist noch kein Qualitätssiegel. Wer die genannten Personen allein durch die Aussicht auf neue Ämter zu einer schlagkräftigen Führungsalternative erklärt, macht sie größer, als ihr bisher vorgelegtes Programm rechtfertigt. Ein Organigramm lässt sich schnell zeichnen. Einen Verband erfolgreich zu führen, ist eine andere Aufgabe.

Ob die Bezeichnung „Koalition der Gescheiterten“ auf diese Konstellation zutrifft, bleibt eine subjektive Wertung. Die Frage bleibt: Warum sollen ausgerechnet frühere oder abgewählte Funktionäre und Personen ohne erkennbaren eigenen Beitrag zu den jüngsten Verbandserfolgen nun als Garanten eines besseren Weges gelten?

Ein Präsident, ein Sportchef, ein Geschäftsführer – fix und fertig?

Eine komplette Führungsmannschaft entsteht schließlich nicht über Nacht.

Wenn schon über Präsident, Sportchef, Geschäftsführer, Medienverantwortlichen und Wirtschaftsbeirat gesprochen wird, müssen vorher etliche Gespräche gelaufen sein. Man braucht Kandidaten, Zustimmung, Unterstützer – und irgendwann Mehrheiten. Da drängt sich zwangsläufig die Frage auf, wie lange dieses Projekt schon läuft. Und ob der Begriff „Reformbewegung” dafür nicht inzwischen ein wenig zu freundlich gewählt ist.

Kern: Viel Rampenlicht, aber welcher Eishockey-Leistungsausweis?

Christian Kern bringt als ehemaliger Bundeskanzler einen bekannten Namen mit. Doch Bekanntheit beantwortet noch keine einzige Frage zur Zukunft des österreichischen Eishockeys.

Dass er das mediale Rampenlicht suchen könnte, ist eine unbestätigte Vermutung. Ob persönliche Aufmerksamkeit tatsächlich Kerns Motiv ist, lässt sich nicht feststellen. Die Frage nach seiner fachlichen Grundlage für eine mögliche Präsidentschaft bleibt jedoch berechtigt: Welche Arbeit für den österreichischen Eishockeysport, welches konkrete Programm und welche Kenntnis seiner Basis stehen hinter der kolportierten Kandidatur?

Ein prominenter Name ist kein Nachwuchskonzept. Er schafft keine zusätzliche Eiszeit, bildet keinen Trainer aus und erklärt nicht, wie österreichische Spieler den Sprung in den Profibereich schaffen sollen. Wer an die Spitze dieses Verbandes will, muss genau darauf Antworten geben.

Zumal es um ein Ehrenamt geht, dessen Wert sich an der geleisteten Arbeit für den Sport bemisst. Ein neuer Präsident müsste Verantwortung für den gesamten Verband übernehmen – auch dort, wo keine Kameras warten und sich mit mühsamer Vereinsarbeit keine großen Schlagzeilen machen lassen.

Ösze und die offene Frage nach Roger Bader

Besonders spannend ist die mögliche Rolle von Andreas Ösze.

Er kennt den Verband von innen und war bereits Teil der ÖEHV-Strukturen. Nun könnte er wieder eine zentrale sportliche Funktion übernehmen. Im Eishockey-Umfeld wird gemunkelt, das Verhältnis zu Nationaltrainer Roger Bader sei nicht das allerbeste – öffentlich belegt ist das bislang allerdings nicht.

Sollte Ösze tatsächlich sportlicher Leiter werden, bleibt die Konsequenz trotzdem spannend: Was passiert mit Bader? Und was mit jenem sportlichen Kurs, der Österreich 2025 überhaupt erst ins WM-Viertelfinale geführt hat? Wer einen erfolgreichen Weg verändern will, sollte dafür jedenfalls sehr gute Argumente mitbringen.

Ösze: Welcher Leistungsausweis rechtfertigt diese Schlüsselrolle?

Doch die Frage reicht weiter als bis zum Verhältnis zum Teamchef. Worauf gründet sich überhaupt der Anspruch auf eine sportliche Schlüsselposition? Welcher Leistungsausweis qualifiziert Ösze dafür, die Richtung eines Verbandes zu bestimmen, dessen Nationalteam gerade ein WM-Viertelfinale erreicht hat? Wo ist sein Konzept für Nachwuchs, Frauen-Eishockey, Nationalteams und österreichische Spieler?

Ob Ösze die sportliche und sonstige Kompetenz für eine solche Rolle mitbringt, bleibt hier offen. Die entscheidende Frage bleibt bestehen: Welche nachweisbaren Erfolge bringt Ösze mit, die einen derart weitreichenden Einfluss rechtfertigen würden?

Andreas Ösze ist Landespräsident des Wiener Eishockeyverbandes (WEHV). Zugleich ist er als Präsident der EAC Junior Capitals und Ansprechpartner für Eiszeiten in der STEFFL ARENA im Umfeld der Vienna Capitals verankert. Dieses Naheverhältnis zum ICEHL-Klub wirft bei einer möglichen sportlichen Führungsfunktion im ÖEHV eine konkrete Frage auf: Wie würden Klubinteressen und die Verantwortung für den gesamten österreichischen Eishockeysport voneinander getrennt?

Gerade die angesprochenen Überschneidungen verlangen eine nachvollziehbare Erklärung. Wer würde bei Interessenkollisionen entscheiden?

Das gilt umso mehr, wenn dabei auch über Legionärsregeln, Nachwuchsförderung und die Zukunft von Teamchef Roger Bader entschieden werden soll. Eine neue Position im Organigramm beseitigt keinen Interessenkonflikt.

Trattner, Berger, Hofer – es riecht nach Komplettumbau

Der 69-jährige Michael Berger bringt jahrzehntelange Medienerfahrung mit, Philipp Trattner kennt sich in Sportverwaltung, Politik und Förderstrukturen aus, Philipp Hofer wiederum kennt den ÖEHV bereits aus früheren Funktionen.

Jede einzelne Personalie mag für sich genommen plausibel wirken. Zusammen ergeben sie aber eine ganz andere Geschichte: Hier scheint keine simple Satzungsänderung vorbereitet zu werden, sondern gleich eine komplett neue Führungsarchitektur. Damit verschiebt sich auch die zentrale Frage – nicht mehr „Was soll reformiert werden?”, sondern „Wer soll danach welche Macht bekommen?”

Berger: Medienstrategie oder Auslaufmodell?

Auch Michael Berger wird im Umfeld des Gegenmodells genannt. Seine jahrzehntelange Medienerfahrung steht außer Zweifel. Doch auch hier darf nicht nur auf den klingenden Namen geschaut werden.

Mit 69 Jahren stellt sich vielmehr die Frage, ob Berger tatsächlich noch für einen modernen Medienauftritt des ÖEHV steht. Als langjähriger Kommentator im ORF war er zuletzt nicht mehr unumstritten. Seine mögliche Rolle müsste daher nicht mit früheren Verdiensten, sondern mit einem zeitgemäßen Konzept für Kommunikation, digitale Medien und die Ansprache eines jüngeren Publikums begründet werden.

Denn wer die Medienarbeit eines Verbandes übernehmen will, muss nicht nur bekannt sein, sondern auch glaubwürdig, aktuell und professionell auftreten. Der Medienbereich darf weder zur Bühne für persönliche Eitelkeiten noch zum Werkzeug einer internen Machtgruppe werden.

Trattner: Rückkehr durch die Hintertür?

Philipp Trattner wird als möglicher Geschäftsführer genannt. Dass er nach seinem Ausscheiden Schwierigkeiten gehabt haben könnte, beruflich wieder entsprechend Fuß zu fassen, ist eine öffentlich nicht ausreichend belegte Vermutung.

Politisch stellt sich trotzdem eine klare Frage: Geht es bei seiner möglichen Rückkehr tatsächlich um das beste Zukunftsmodell für den ÖEHV – oder bietet die Machtübernahme einem ehemaligen Funktionär schlicht die Gelegenheit für ein persönliches Comeback?

Ein Verbandsposten darf kein beruflicher Rettungsanker sein. Wer Geschäftsführer werden will, muss anhand eines überzeugenden Konzepts, einer transparenten Qualifikation und eines nachvollziehbaren Auswahlverfahrens beurteilt werden. Die bloße Zugehörigkeit zu einer möglichen neuen Führungsgruppe reicht dafür nicht aus.

Hofer und die Rechnung aus dem Jahr 2020

Auch Philipp Hofer taucht in den Überlegungen für die Zeit nach Hartmann auf. Er kennt den ÖEHV aus früheren Funktionen – und wurde 2020 abgewählt. Dass sein neuerliches Auftauchen ein Rachefeldzug sein könnte, ist eine unbestätigte Vermutung. Ob dieses Motiv tatsächlich besteht, kann von außen nicht abschließend beurteilt werden. Die zeitliche und personelle Verbindung ist jedoch offensichtlich genug, um eine Antwort einzufordern. Was hat Hofer seit seiner Abwahl sportlich und strukturell entwickelt? Was würde er heute besser machen? Und warum tritt er ausgerechnet gemeinsam mit jenen Kräften auf, die Hartmanns gesamte Führung beseitigen wollen? Wer sechs Jahre nach einer Abwahl zurückkehrt, muss mehr präsentieren als alte Kontakte und offene Rechnungen.

Wo bleibt eigentlich der sportliche Masterplan?

Und genau hier wird die Gegenseite angreifbar.

Über mögliche Namen hört man inzwischen einiges, über neue Machtstrukturen ebenfalls, über Wirtschaftsbeirat und Legionärsfrage sowieso.

Doch wo bleibt das große Konzept für den österreichischen Sport? Was ist mit den fast 150 Vereinen, davon rund 40 allein in Kärnten? Wie sollen kleine Klubs entlastet werden, wie kommen sie zu mehr Trainern und mehr Eiszeit?

Wie gelingen bessere Übergänge von den Nachwuchsvereinen über die ÖEL bis in die ICE Hockey League? Wie verhindert man, dass junge Österreicher durch eine Legionärsöffnung noch weniger Chancen bekommen? Und was soll an PEER, AWHL, EWHL oder dem Frauen-Leistungszentrum konkret verbessert werden?

Genau diese Fragen müsste eine sportlich motivierte Reform zuallererst beantworten. Solange stattdessen vor allem Namen, Gremien und Machtstrukturen durchsickern, ist gesunde Skepsis mehr als angebracht.

Auch wirtschaftlich passt die Stillstands-Erzählung nicht

Denn nebenbei kommen auch noch neue Sponsoren an Bord.

EBNER soll das Frauen-Nationalteam künftig als Ärmelsponsor unterstützen. Mit einem namhaften Autobauer und der Ascendia Gruppe sind nach vorliegenden Informationen weitere namhafte Partner mit an Bord. Das Gesamtbild aber bleibt: sportliche Erfolge, neue Nachwuchsstrukturen, gestärkter Frauenbereich, internationale Turniere, neue Sponsoren, laut Verbandsdarstellung solide Finanzen. Und ausgerechnet in dieser Phase wird der große Neustart ausgerufen.

Der Frauen-Konflikt bekommt im Rückblick eine zweite Ebene

Auch der frühere Streit mit dem Frauen-Nationalteam wirkt in diesem Zusammenhang plötzlich in einem anderen Licht.

Die Spielerinnen hatten berechtigte Kritik an Taggeldern, Unterkünften und Kommunikation geübt, der Verband musste reagieren – und tat dies letztlich auch: Mit younion und den Spielerinnen wurde eine Einigung erzielt. Sportpolitisch ist der Konflikt damit vorerst gelöst.

Interessant bleibt trotzdem die Zeitlinie: Während Hartmann öffentlich unter Druck stand, scheint im Hintergrund längst ein weitreichendes Gegenmodell gereift zu sein. Ob einzelne Kräfte den Frauen-Konflikt gezielt für den eigenen Machtkampf genutzt haben, ist bislang nicht belegt – diese Grenze muss klar bleiben. Die Frage aber, wann das Gegenkonzept entstand und wer zu welchem Zeitpunkt eingebunden war, bleibt völlig legitim.

Cui bono?

Am Ende jedes guten Krimis steht irgendwann dieselbe Frage: Wem nützt das Ganze eigentlich?

Wem nützt ein neuer Wirtschaftsbeirat? Wem nützt mehr Einfluss der ICE Hockey League auf den Verband? Wem nützt eine gelockerte Legionärsregelung? Wem nützt eine komplett neue Führung? Und wem nützt es, wenn ausgerechnet jene Verbandsmannschaft verschwindet, unter der Österreich sportlich vielleicht seine stärkste Phase seit Jahren erlebt?

Darin steckt der eigentliche Kern der Geschichte. Es geht nicht darum, Opposition zu verbieten – es geht darum, ihre Motive und ihr Konzept kritisch zu prüfen. Hartmann muss sich an seinen Ergebnissen messen lassen. Seine Herausforderer aber genauso.

Die Basis darf nicht zur Fußnote verkommen

Der vielleicht wichtigste Punkt gerät dabei viel zu leicht in Vergessenheit.

Österreichisches Eishockey entsteht nicht im Sitzungszimmer eines Wirtschaftsbeirats. Es entsteht in den Kabinen kleiner Vereine, auf kalten Eisflächen am frühen Morgen, bei Nachwuchstrainern, die fünfjährige Kinder erstmals auf Schlittschuhe stellen, und bei Eltern, die ihre Kinder quer durch Österreich chauffieren. Und es entsteht in Regionen wie Kärnten, wo knapp 40 Vereine die Möglichkeit haben Nachwuchs ausbilden und damit das Fundament für Nationalteam und ICE Hockey League legen.

Wer diese Basis aus seiner Reform herausdenkt, hat den Sport nicht verstanden. Die Profiklubs brauchen diese Vereine weit dringender, als so manche Machtdebatte vermuten lässt – ohne Nachwuchsvereine gibt es irgendwann schlicht niemanden mehr, den die ICE Hockey League aus Österreich verpflichten könnte.

Hartmanns Bilanz müssen seine Gegner erst einmal schlagen

Damit ist die Beweislast inzwischen klar verteilt.

Die Hartmann-Führung kann sportliche Ergebnisse vorweisen, hat neue Ligen geschaffen und umgebaut, das Fraueneishockey strukturell gestärkt, PEER aufgebaut, das Leistungszentrum in Villach etabliert, internationale Turniere nach Österreich geholt und neue Sponsoren gewonnen – bei laut Verband stabilen Finanzen. Das ist nicht gleichbedeutend mit Perfektion, aber es ist eine Bilanz. Wer diese Führung ablösen will, muss nun zeigen, dass er mehr zu bieten hat als prominente Namen, einen Wirtschaftsbeirat und mehr Freiheiten für die Profiklubs.

Und genau deshalb verdienen die Herausforderer keinen Vorschuss allein dafür, dass sie Hartmann loswerden wollen. Ein gemeinsamer Gegner ist noch kein gemeinsames Programm. Wer sich neue Zuständigkeiten ausrechnet, muss erklären, welche Verantwortung er dafür übernimmt und an welchen konkreten Ergebnissen er sich messen lassen will.

Reform oder Machtübernahme?

Vielleicht haben die Herausforderer tatsächlich das bessere Konzept. Dann sollen sie es vollständig auf den Tisch legen – nicht nur die Namen, nicht nur die Posten, nicht nur die Wünsche der Profi-Liga, sondern das komplette Modell: für Kinder, für kleine Vereine, für Nachwuchsspieler, für Frauen, für Nationalteams, für Landesverbände und für die Profiklubs.

Denn der ÖEHV ist nicht die ICE Hockey League. Er ist der Verband des gesamten österreichischen Eishockeys. Und genau daran muss sich jeder messen lassen, der künftig an seiner Spitze stehen will.

Solange diese Antworten fehlen, bleibt über dem ganzen Machtkampf ein unangenehmer Verdacht hängen: Geht es wirklich darum, Österreichs Eishockey besser zu machen – oder in erster Linie darum, wer künftig über Macht, Geld und Posten verfügt?

Die Hartmann-Mannschaft hat ihre Bilanz vorgelegt. Jetzt sind die Herausforderer am Zug.

Was meint ihr: Braucht der ÖEHV wirklich diesen radikalen Neustart? Oder wird hier eine erfolgreiche Verbandsführung ausgerechnet von jenen Kräften infrage gestellt, deren eigene Profiklubs teils wirtschaftlich schwer unter Druck stehen? Und wer schützt in diesem Machtpoker eigentlich die kleinen Vereine, die Österreichs Spieler großziehen? Schreibt es uns in die Kommentare!

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